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Tillmann, Michael: „Breitseite auf den französischen Sozialstaat. Über ‘Faut-il brûler le modèle social français?’ von Alain Lefevre und Dominique Méda“, 31.05.06

„Breitseite auf den französischen Sozialstaat. Über ‘Faut-il brûler le modèle social français?’ von Alain Lefevre und Dominique Méda“, 31.05.06

Von Michael Tillmann

Die Interpretationen der Proteste, die der inzwischen zurückgezogene Ersteinstellungsvertrag CPE in Frankreich ausgelöst hat, divergieren. Während die Mehrzahl der politischen Beobachter darin ein weiteres Beispiel für die Reformunfähigkeit der französischen Gesellschaft zu erkennen vermeint, sind vor allem auf Seiten der Gewerkschaften Stimmen zu vernehmen, die darin vielmehr den möglichen Grundstein einer neuen, europaweiten sozialen Bewegung sehen und Paris mithin als Speerspitze im Kampf gegen einen völlig enthemmten Liberalismus. Dass Frankreich sich selbst gerne zum (universellen) Maßstab gesellschaftlicher Ordnungsvorstellungen nimmt, erschwert insofern die Debatte um die notwendigen Reformen des Sozialstaates, als es den Blick auf andere Länder verstellt, denen die scheinbare Quadratur des Kreises – eine hohe Beschäftigungsquote und ein ausgebautes (aber modernisiertes) Sozialversicherungssystem – gelungen ist. Letztlich werden also Wege, die die Leistungsfähigkeit des Sozialstaates und seinen Fortbestand sichern könnten, aus ideologischer Beschränktheit und nationaler Verklärung heraus nicht beschritten. Das Anliegen der beiden Autoren Alain Lefebvre und Dominique Méda[1] besteht nun gerade darin, Anregungen aus dem Ausland aufzugreifen, um den französischen Sozialstaat zu erhalten. Gerade aus diesem Grund fordern sie nachhaltige Reformen, die sich ihrer Meinung nach an den nordeuropäischen Sozialmodellen orientieren sollten. Im Unterschied zu Frankreich und anderen Ländern[2] ist es Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland nämlich gelungen, trotz einer hohen Sozialleistungsquote die internationale Leistungsfähigkeit ihrer Wirtschaft und ein hohes Beschäftigungsniveau der Arbeitnehmer zu garantieren. Dass gegen eine Übertragbarkeit der dänischen flexicurity, d.h. der Kombination von Elementen der Flexibilität (für Unternehmen und Arbeitnehmer) bei gleichzeitiger sozialer Absicherung und qualifizierender Fortbildungs- bzw. Umschulungsmöglichkeiten, keine unüberwindlichen kulturellen Hindernisse sprechen, veranschaulichen die beiden Autoren mit Nachdruck. Sehr wohl gilt es aber, auf die institutionellen Hindernisse einzuwirken, zu denen trotz aller Dezentralisierungsbemühungen seit den 80er Jahren natürlich zuallererst eine starke zentralstaatliche Machtkonzentration sowie schwache Gewerkschaften (zumindest hinsichtlich des gewerkschaftlichen Organisationsgrades) zählen, während das Subsidiaritätsprinzip gerade die Kommunen stärker in die Betreuung der Erwerbslosen einbinden sollte und starke, aber auf einen Vergleich ausgerichtete Gewerkschaften ein wichtiger Bestandteil des sozialen Friedens sind. So beweist auch dieser Essay wieder einmal, dass die wissenschaftliche Diskussion in Frankreich der tatsächlichen gesellschaftlichen Realität, die sich häufig in lähmenden Besitzstandswahrungsreflexen der unterschiedlichen Berufsgruppen erschöpft, um Längen voraus ist.[3]

Tillmann, Michael: „Michel Wieviorka im Gespräch. Über ‚Sociologue sous tension. Entretien avec Michel Wieviorka’ von Julien Ténédos“, 31.05.06

Tillmann, Michael: „Michel Wieviorka im Gespräch. Über ‚ Sociologue sous tension. Entretien avec Michel Wieviorka’ Von Julien Ténédos“, 31.05.06

Michel Wieviorka

Der Touraine-Schüler Michel Wieviorka, Forschungsdirektor an der EHESS und Leiter des dort ansässigen Forschungslabors CADIS, ist auch in Deutschland kein Unbekannter. Neuere Arbeiten zu Antisemitismus, Rassismus, kultureller Differenz und Gewalt sind in den letzten Jahren auf Deutsch bei der Hamburger Edition erschienen. Touraine, Wieviorka und Dubet haben einen durchaus eigenständigen soziologischen Ansatz – die so genannte intervention sociologique – entwickelt, der das Subjekt als handelnden Akteur in den Mittelpunkt des soziologischen Interesses rückt. In zwei kleinen Bänden hat nun der Genfer Verlag Aux lieux d’être Gespräche mit dem französischen Soziologen vorgelegt, die um die verschiedenen Etappen in Leben und Werk Michel Wieviorkas kreisen. Das Interesse dieser Publikation liegt dabei darin, dass der Autor hier selbst eine kritische Bilanz seines Schaffens und soziologischen Werdens zieht. Allein schon die methodische Ausrichtung seines Arbeitens bedingt allerdings auch ein gewisses zeitkritisches Engagement, über das sich Michel Wieviorka vor allem im zweiten Band auslässt. Hier erklärt er u.a. die Gründe für seine öffentliche Parteinahme und skeptische Bewertung der Streikbewegung im Jahre 1995, seine scharfe Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieu, der darin den Beginn einer großen, europäischen Sozialbewegung sehen wollte, und seine Nähe zur Parti socialiste und der sozialreformerischen Gewerkschaft CFDT. Auch das Kapitel zur “Soziologie und ihrer Methode”, in dem Michel Wieviorka sich ganz unmissverständlich von dem methodologischen Individualismus und seinem französischen Hauptvertreter Raymond Boudon abgrenzt, bieten dem deutschen Leser wertvolle Einblicke in die französische Methodendiskussion. So entsteht über die einzelnen Forschungstätigkeiten des Soziologen hinaus ein facettenreiches Bild der intellektuellen Landschaft der französischen Soziologie zwischen Wissenschaft und politischem Engagement.
© passerelle.de , Juni 2006

Tillmann, Michael: „Kunst und Kapitalismus. Von neuen Gemeinsamkeiten alter Gegensätze. Über ’Kunst und Brot. Die Metamorphosen des Arbeitnehmers’ von Pierre-Michel Menger“, 31.05.06

Tillmann, Michael: „Kunst und Kapitalismus. Von neuen Gemeinsamkeiten alter Gegensätze. Über ’Kunst und Brot. Die Metamorphosen des Arbeitnehmers’ Von Pierre-Michel Menger“, 31.05.06

Die Künstlerarbeit ist seit geraumer Zeit – zumindest was das Angebot an Künstlern betrifft – ein starker Wachstumsmarkt. In Frankreich hat sich zwischen 1987 und 2000 die Zahl der Künstler mehr als verdoppelt, während das Arbeitsvolumen in dem Betrachtungszeitraum nur etwa um das 1,5-fache gewachsen ist. Diese Zahlen veranschaulichen gleichzeitig die paradoxe Lage der Künstlerarbeitsmärkte, auf denen noch stärker als in der Vergangenheit auf Kurzzeitbeschäftigungen zurückgegriffen wird. Alles deutet darauf hin, dass die Künstlerberufe – zumindest das damit verbundene Idealbild eines kreativen, eigenständigen, unhierarchischen Arbeitens mit großem Selbstverwirklichungspotenzial – heute mehr denn je eine magische Anziehungskraft ausüben und dass andererseits die Künstlerarbeitsmärkte von einer auf die Spitze getriebenen Flexibilität geprägt sind, die die Kunst – wie Pierre-Michel Menger in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Essay zutreffend schreibt – zu einem “Experimentierfeld der Flexibilität” machen. Insofern ist das neu erwachte Interesse der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an den Künstlerarbeitsmärkten angesichts eines wachsenden Flexibilisierungsdrucks durchaus verständlich. Überraschend ist es nur für all jene, die – wie die innovativen Kunstbewegungen des ausgehenden 19. Jahrhunderts – zwischen Kunst (Innovation, Normbruch) und Markt (Stabilität, konventionelle Moralvorstellungen) einen unüberbrückbaren Gegensatz sehen. Dass es jedoch durchaus Berührungspunkte zwischen den beiden scheinbar so unversöhnlichen Welten gibt, lässt sich allein schon an dem berühmten Wort Schumpeters ablesen, der in Bezug auf den kapitalistischen Prozess von einer “schöpferischen Zerstörung” sprach. Der Normbruch der Künste und das Innovativ-Schöpferische, das auf den Wirtschaftsmärkten einen Wettbewerbsvorteil garantiert und in den modernen Wissensgesellschaften neuartige Formen betrieblicher Organisation anzustoßen vermag, ist jedoch Pierre-Michel Menger zufolge nur ein Aspekt einer viel weiter zu fassenden Schnittmenge. Der Künstler – das haben nicht zuletzt Boltanski/ Chiapello (1999) in ihrer großen Kapitalismusstudie gezeigt – ist aufgrund seiner Ungebundenheit, seiner Unkonventionalität, seiner Kreativität und seiner Eigenständigkeit in den einschlägigen Managementtexten zu einem viel beschworenen Modell des modernen Arbeiters geworden. Seine Anpassungsfähigkeit und sein eigenverantwortliches Krisenmanagement verklären ihn zu einem mythischen Helden in einer unsicheren Arbeitswelt. Sein spezifisches Risikomanagement – Stichwort: Mehrfachbeschäftigung zur Absicherung gegen dauerhafte Unterbeschäftigung – scheinen auch auf anderen Arbeitsmärkten Nachahmer zu finden. Die Kluft, die sich in den Kunstberufen zwischen den Spitzenverdienern und der anonymen Masse auftut und die zum Teil einem logisch nicht nachzuvollziehenden Zufallsprinzip zu verdanken ist, lässt allerdings auch die Gefahren erahnen, die mit reputationsbasierten Marktmechanismen, wie sie insbesondere für die Künstlerberufe gelten, einhergehen. So kristallisieren sich in der Figur des Künstlers exemplarisch zentrale Fragen gesellschaftlicher Relevanz, die das Problem von individueller Leistungsfähigkeit, zum Teil beträchtlichen Einkommensungleichheiten, Formen einer flexiblen Arbeitsgestaltung und solidarischen Schutzmechanismen betreffen. Insofern ist der brillant geschriebene Essay Pierre-Michel Mengers sicherlich eine unumgängliche Begleitlektüre zu den aktuellen Diskussionen rund um die neue Arbeitsgesellschaft.

Tillmann, Michael : „Soziologisches Rucksackwissen Paris. Über ‘Sociologie de Paris’ von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot“, 31.05.06

Tillmann, Michael : „Soziologisches Rucksackwissen Paris. Über ‘Sociologie de Paris’ Von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot“, 31.05.06

Sociologie de Paris

Dass die Stadt – und insbesondere eine so geschichtsträchtige Metropole wie Paris – ein lebendiges Gebilde ist mit ihren eigenen Gesetzen und ihrer eigenen Entwicklungsdynamik, ist keine neue Erkenntnis. Honoré de Balzac oder Émile Zola betrachteten mit unverhohlener Faszination das rapide Anwachsen der französischen Kapitale und erwiesen sich dabei als genaue Beobachter sozialer Entwicklungsprozesse. Als politischer, wirtschaftlicher und kultureller Dreh- und Angelpunkt Frankreichs und – zumindest phasenweise – auch Europas tritt Paris natürlich auch ins Blickfeld soziologischen Interesses. Gerade die sozialräumlichen Segregations- und Aggregationsprozesse in und um Paris sind in den letzten Jahren einer kritischen Betrachtung unterzogen worden (vgl. etwa Donzelot 2003, der die stadtpolitischen Maßnahmen in Frankreich und den Vereinigten Staaten miteinander vergleicht, sowie vor allem auch Maurin 2004). In den “Repères”, einer bei La Découverte erscheinenden Reihe mit Einführungsbänden in wissenschaftliche Fachgebiete, liefern Michel Pinçon/Monique Pinçon-Charlot eine kondensierte und gedrängte Soziologie der Stadt Paris, die zum Teil an ihr Buch Paris mosaïque. Promenades urbaines anknüpft. Als Soziologen der “besseren Gesellschaft” (vgl. die in der Bibliographie verzeichneten Veröffentlichungen und insbesondere die Kurzrezension zu Voyage en grande bourgeoisie) sind sie natürlich besonders prädestiniert, um die Verbürgerlichungs- bzw. Gentrifizierungsprozesse nachzuzeichnen, denen sich auch eine Stadt wie Paris nicht hat entziehen können. In sieben dichten Kapiteln werden die geographische Organisation (Lire Paris), die demographische Entwicklung (L’attraction de Paris), die Funktion als politische Hauptstadt (Paris, ville capitale), die “Gentrification” (”Gentrification” et déprolétarisation de Paris), die (wahl)politischen Aspekte der Kapitale (Paris, ville bourgeoise, ville de gauche?), das Problem sozialräumlicher Mischung (Les enjeux de la mixité) und das Verhältnis der Hauptstadt zu ihren Vororten (Paris-banlieue: une agglomération?) abgehandelt. Insofern bietet dieser Einführungsband interessierten Lesern nicht nur soziologische Grundinformationen zur Stadt Paris, sondern allen Touristen das notwendige Rucksackwissen, das eine genauere Lektüre einer der attraktivsten Großstädte Europas bietet und die Sinne für sozialräumliche Ordnung und ihre politischen Implikationen schärft.

Tillmann, Michael: „Großbürgertum unter soziologischer Lupe. Über ‘Voyage en grande bourgeoisie. Journal d’enquête’ Von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot“, 31.05.06

Großbürgertum unter soziologischer Lupe. Über ‘Voyage en grande bourgeoisie. Journal d’enquête’ Von Michel Pinçon und Monique Pinçon-Charlot, 31.05.06

Von Michael Tillmann

Voyage en grande bourgeoisie, Pincon

Großbürgertum und Aristokratie sind keine gewöhnlichen Untersuchungsobjekte einer Soziologie, die sich von Anbeginn an dem gesellschaftlichen Fortschritt verschrieben hat. So geraten die ehemals dominanten Klassen nur selten ins Blickfeld einer soziologischen Betrachtungsweise, da der Geist der Geschichte in einer nivellierten Mittelstandsgesellschaft ohnehin anderswo zu wehen pflegt und die großbürgerlichen, veraltet anmutenden Lebensformen der besseren Gesellschaft bestenfalls freundlich belächelt werden. Kaum mehr weiß eine Soziologie, die weniger geschichtsphilosophisch daherkommt und sich stärker einem sozialen Engineering verpflichtet fühlt, mit den oberen Zehntausend anzufangen. Als Machteliten im politischen Sinne werden sie schon längst nicht mehr wahrgenommen, und verglichen mit drängenden Problemen der Gegenwart (Gewalt in den Vororten großer Ballungszentren, soziale Ausgrenzung, Langzeitarbeitslosigkeit, Integration der Arbeitsmigranten usw.) ist ihre gesellschaftspolitische Brisanz eher gering. Insofern sehen die diversen staatlichen oder privaten Förderinstitutionen auch keine dringende Notwendigkeit, eine Soziologie des Großbürgertums finanziell zu unterstützen. Der direkte politische Gewinn scheint in keinem Verhältnis zu den finanziellen Aufwendungen zu stehen.