Böning, Marietta: “Marietta Böning im Interview mit Stefan Gmünder, verantwortlicher Redakteur für die Buchseiten in der Wochenendbeilage ‘Album’ der Tageszeitung ‘Der Standard’ “, 30.03.08
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Interview* mit Stefan Gmünder
Stefan Gmünder ist verantwortlicher Redakteur für die Buchseiten in der Wochenendbeilage Album der Tageszeitung Der Standard.
VON MARIETTA BÖNING
Welche Wettbewerbsvorteile hat das Album gegenüber dem Spektrum [Anm.: Feuilleton-Beilage der österreichischen Tageszeitung Die Presse]?
Die Journalisten sind jünger, die Gestaltung ist flexibler und innovativer und die Kommentierung ist besser.
Welche Wettbewerbsvorteile hat der Literaturteil des Album gegenüber dem Literaturteil des Spektrum?
Die Texte sind seit der Umstrukturierung des Album im Jahr 2003 kürzer geworden. Das ist zum einen positiv, da mehr Artikel gebracht werden können, andererseits kommen bei uns die langen Essays zu kurz, in denen sich die Gedanken des Autors besser entfalten können. [Anm.: 2003 fand eine programmatische Re-Positionierung des Album statt. Es besteht nun aus einem Inhaltsschwerpunkt (Dossier), einem Essay, zwei Seiten mit Buchkritiken und einer Wissenschaftsseite. Neu ist das Dossier. Zuvor wurden die Seiten für andere feuilletonistische Beiträge genutzt.]
Wie bewerten Sie die programmatischen Änderungen beim Album seit der Umstrukturierung?
Das Thema Kultur wurde etwas zurückgedrängt. Auch werden Musts wichtiger. Beispielsweise rücken prominente Verlage in den Vordergrund und Bücher, die überall besprochen werden, werden auch bei uns besprochen. Dieser Trend hat sich noch verstärkt. Auch die zeitige Besprechung ist wichtig.
Sind Ihnen die LeserInnenzahlen des Album neu/Album alt beziehungsweise der Literaturseite bekannt? Wurden die Änderungen mit ökonomischen Argumenten begründet?
Zahlen sind mir nicht bekannt, und die Änderungen wurden nicht begründet. (Die ökonomischen Vorteile sind aber klar.)
Achten Sie auf Ausgewogenheit bei der Auswahl der zu besprechenden Bücher in Bezug auf das literarische Genre (Prosa, Lyrik, Essay)?
Den Genres konnte vor der Umstrukturierung größeres Augenmerk geschenkt werden, aber natürlich wird auch heute darauf geachtet.
Welchen Anteil hat österreichische Literatur?
Ca. 50%.
Welches Bild hinterlässt derStandard.at beziehungsweise derStandard.at/Literatur bei Ihnen?
Es handelt sich um ein annehmbares Unterhaltungsmedium, nicht aber um Qualitätsjournalismus.
Wie oft sehen Sie sich die Literaturseite im Kultur-Channel an?
Täglich.
Zu welchem Zweck?
Um mir einen Überblick zu verschaffen.
Was fehlt Ihnen am Standard online, das verhindert, dass Sie die E-Zeitung als Qualitätsmedium wahrnehmen können?
Die Kriterien für Qualitätsjournalismus sind Stil, Klarheit, Prägnanz, analytisches Bewusstsein.
Glauben Sie, dass die Zugriffszahlen auf die Buchbesprechungen in der Internetausgabe eine Argumentationsgrundlage für die Gestaltung der Bücherseite des Album abgeben könnten? Die Zugriffe könnten etwa nach den oben genannten journalistischen Kriterien und literarischen Genres geclustert und gemessen werden.
Ja, das ist auch meine These.
Haben Sie von mir abgesehen auch Kontakt zur Online-Kulturredaktion beziehungsweise der Online-Redaktion?
Bis auf Ausnahmefälle gibt es keinen Kontakt; wenn, dann mit der Ressortleitung der Online-Kultur. Der Kontakt zur Kulturredaktion ist aber wünschenswert.
Sehen Sie technische Vorteile im Internet, die auch für die Literaturberichterstattung nützlich wären? Beispiel: Für Bildbandbesprechungen oder die wöchentlichen Kurzkritiken würden sich Diashows vorzüglich eignen. Mehr Bilder könnten gezeigt werden, die optische Qualität wäre zudem besser. Und das hätte für alle Beteiligten einen Vorteil: Album, Online-Redaktion, Verlage.
Das ist eine sehr gute Idee.
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Zusatzfragen im Januar 2005
1. Lesen Sie die Postings unter Ihrem und/oder anderen Zeitungsartikeln auf derStandard.at?
- Ja (X)
- Nein ( )
2. Für wie wichtig halten Sie die Möglichkeit der User, direkt Kommentare abgeben zu können?
- Ist der Ausbildung einer diskursfähigen Öffentlichkeit eher dienlich (X)
- Ist der Ausbildung einer diskursfähigen Öffentlichkeit eher nicht dienlich ( )
- Eine Community ist nur etwas für spezielle Freaks und erreicht die wichtige Masse nicht ( )
3. Würden Sie als Autor auf Userkommentare zu Ihren Artikeln reagieren?
- Ja ( )
- Nein (X)
4. Lesen Sie Qualitätszeitungen im Internet?
- Ja, Onlinemedien mit hohem Differenzierungsgrad wie netzeitung.de, spiegel.de, salon.com o.ä. ( )
- Ja, Online-Ausgaben der großen Feuilleton-Zeitungen, weil die Artikel nichts kosten (X)
- Nein ( )
5. Halten Sie die Agenturartikel auf derStandard.at/Kultur für hinreichend informativ? Oder ist der News-Wert zu gering, so dass es dieser Ausführlichkeit im gegebenen Maße nicht unbedingt bedürfte?
- Weniger wäre schädlich (X)
- Weniger wäre dann besser, wenn stattdessen ein paar Eigengeschichten dazu kämen ( )
- Kann ich nicht einschätzen ( )
6. Halten Sie die Berichterstattung von derStandard.at/Kultur für gründlich?
- Ja (X)
- Nein ( )
7. Was ist Ihr Eindruck: Entspricht der Evaluierungsakt an APA-Meldungen seitens der Online-Kulturredaktion?
- Primär normativen Gesichtspunkten ( )
- Gesichtspunkten, die einer kulturellen Vielheit Rechnung tragen wollen ( )
- Beides kann man nicht sagen, gerade weil die Berichterstattung zum größten Teil von der APA vordefiniert wird (X)
8a. Ihre kulturtheoretische Einschätzung: Vertreter der Cultural Studies beschwören den kulturellen Vielheitsaspekt, dem die moderne Massenkultur (Berichterstattung) Rechnung trage. Andere Kulturkritiker (auch zeitgenössische, nicht nur die Vertreter der Frankfurter Schule) bemängeln, dass der kulturelle Anspruch des klassischen Bildungsbürgertums schwindet (wertfrei gemeint und unabhängig davon, ob einem schwindenden Bildungsbürgertum in irgendeiner Art nachgetrauert wird), der zur Folge habe, dass sich das kulturelle Angebot beziehungsweise die Berichterstattung zu einem „more of the same“ entwickelt. Sind Sie ein
- Optimist? ( )
- Pessimist? (X)
- Kann ich so pauschal nicht sagen ( )
8b. Vielleicht wollen Sie das begründen. Oder festhalten, dass Ihre Ansicht aus langjähriger Beobachtung der medialen Praxis im deutschsprachigen Raum stammt oder aber Sie stellen fest, dass Ihre Ansicht darüber vorgeprägt ist (Kulturtheorie, humanistische Bildungswerte und dergleichen.)
Ich glaube, dass der Eindruck des „more of the same“ oder des „what you see is what you get“ richtig ist. Bei mir hat das sicher teils mit einer Vorprägung durch Lektüren, die zu meiner Jugendzeit noch en vogue waren (vor allem Texte der Frankfurter Schule, aber auch Kittler etc.) zu tun. Andererseits ist es durch positivistische Beobachtung, sprich Lektüre, der Kulturteile ganz klar, was sich geändert hat. Das, was früher dazugehörte, nämlich das Sichten von Neuem, Neugier gegenüber dem Unbekannten etc. findet kaum mehr statt. Das hängt einerseits mit dem geringeren Personalbestand der Redaktionen, andererseits mit einer neuen Generation von Journalisten, die meiner Meinung nach zu sehr (als Kultur getarnten) Phänomenen (das Phänomen Schlingensief, das Phänomen Schmidt, etc.), Trends und somit Äußerlichkeiten aufsitzen, ohne diese auf ihren Inhalt zu befragen und auch ohne zu merken, wie sie die medialen Köder, die ihnen hingeworfen werden, schlucken. Das wiederum hat mit einer bestimmten Weltsicht des Dabeiseinwollens, der Affirmation und der mangelnden Kenntnis von Traditionen zu tun.
* Das Gespräch wurde im August 2004 geführt und durch schriftliche Zusatzfragen im Januar 2005 ergänzt.
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